Die alte Einsiedlerin nimmt mit einer gewissen Ehrfurcht die Himbeeren, die du ihr anbietest entgegen. Sie beginnt zu erzählen: "Nun ist der Moment gekommen und ich werde dir die Bedeutung der Symbole, die in deine Haut eingeritzt sind, erklären. Als Celia, deine Mutter, merkte, dass sie ein Kind erwartet hat sich diese Neuigkeit wie ein Lauffeuer verbreitet.
Nicht zuletzt war sie die Königin des Roten Mondes und wusste, dass sie wenn sie Mutter wird, nicht mehr die Rolle der Schamanin bekleiden könne. Also beschloss sie, sich zurückzuziehen und bis zu deiner Geburt in einer Grotte beim Großen Fluss zu leben. Damals lebte ich bereits seit Längerem in einer Schlucht, ganz in der Nähe von dieser Grotte und so war es für mich eine große Freude deiner Mutter beim Gebären beizustehen. Einige Zeit nach deiner Geburt rief sie mich zu sich und bat mich ihr zu helfen. Sie gravierte in deine zarte Haut das Symbol der Heiligen Scheibe.
Nur die männlichen Nachkommen der Schamanin dürfen dieses Symbol tragen und es muss sobald die erste warme Jahreszeit kommt gemacht werden. So will es die Regel.
Es vergingen einige Monate und unsere Freundschaft wurde immer tiefer. Eines Tages jedoch entschied die Herrin des Lebens sie zu sich zu holen. Bevor sie starb, hatte Celia noch Zeit mir ein Geheimnis anzuvertrauen. Sie vertraute mir das Geheimnis des Roten Mondes an und es dauerte nur einige Monde lang bis ich mir gewahr wurde, wie wahr ihre Worte waren. Denn plötzlich geschah etwas Eigenartiges: die Heilige Scheibe verschwand und es wurde stockdunkel. Die Tiere im Gehege wurden unruhig, die Vögel hörten auf einen Schlag auf zu zwitschern und aus dem Wald erklang ein unheimliches Geheule. Die ganze Natur stand still. Es ist aber auch wahr dass die heilige Scheibe ganz langsam wieder zum Vorschein kam. Aber trotzdem war eines klar: Der Rote Mond war böse mit uns Menschen. Ab diesem Moment geschah es, dass eisige Winde gegen die Bergspitzen peitschten, die Schneedecke immer höher und länger wurden und die Bergseen auch im Sommer vereisten. Auch du hast bereits bemerkt, dass in den vergangenen kalten Jahreszeiten reichlich Schnee gefallen ist und unüblicherweise bereits das Tal am Großen Fluss betroffen ist." Mit tränennassem Gesicht unterbricht die alte Frau ihre Rede und drückt deine Hände gegen ihre Brust.


© Tangram Meran